ausklappenFleuronnée

Fleuronnée bezeichnet eine spezifische Form von Liniendekor der Gotik, der vollfarbig ausgemalte Initialen umgibt.

Einem Prinzip des Schriftwesens der Gotik folgend wurde Buchstabenkörper und Ornament klar getrennt und damit die Lesbarkeit des Buchstaben im Vergleich zur Romanik deutlich gesteigert.

Fleuronnée hat Vorstufen in der westeuropäischen Initialgestaltung des 12. Jahrhunderts, bei der sich der Liniendekor vor allem aus dem Buchstabenkörper selbst entwickelt. In seiner vollen Ausprägung ist das Fleuronnée aber ein Phänomen, das ab dem 13. Jahrhundert das Buchwesen prägt.

Oft ist Fleuronnée-Dekor hierarchisch unterhalb der mit Deckfarben gemalten Ausstattung angesiedelt.

Fleuronnée umgibt in der Regel Buchstaben, deren Form als Lombarden bezeichnet wird. Der Buchstabenkörpers ist oben und unten ganz schmal und die Bögen in der Mitte des Schriftbandes breit. Aus den die Buchstabenform begleitenden Linien und aus Linienausläufern des Buchstaben selbst entwickelt sich ein graphisches Ornament, das der Kontur folgt (Besatzfleuronnée), das das Binnenfeld (mitunter symmetrisch) füllt (Binnenfleuronnée) bzw. das vom Buchstaben ausgehend in den Seitenrand ausgreift und so die Initiale mit dem leeren Rand um den Schriftspiegel optisch verbindet. Die Fleuronnée-Formen sind je nach Entstehungsregion und Entstehungszeitpunkt unterschiedlich und ermöglichen vielfach eine präzise stilistische Einordnung.

Erstaunlich früh treten im Bereich illuminierter Urkunden Formen auf, die hin zum Fleuronnée führen (1183 Februar 27). Erster Höhepunkt der Verwendung von Fleuronnée im Rahmen der Ausstattung von illuminierten Urkunden stellt der Widerstreit zwischen der päpstlichen Kanzlei und der Kanzlei Kaiser Friedrichs II. während der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts dar: als frühes Beispiel siehe 1216 April 15.

Figürliche Einsprengsel treten, im Vergleich zum Buchwesen, erstaunlich früh auf (z. B. Papst Gregor IX. von 1229 April 5). Wie sich in diesem Punkt das gegenseitige Verhältnis darstellt, bedarf noch detaillierter Studien.

Im Bereich der Königsurkunde ist auf gezeichnete Gesichter im Fleuronnée von Initialen in Urkunden König Rudolfs I. zu verweisen (derzeit ab 1273 Dezember 7). Ein in den Buchstabenkörper einer Fleuronnée-Initiale eingefügte Wappen (1295 von Graf Robert von Auvergne) ist das älteste bisher bekannte Wappen, das auf einer Urkunde abgebildet ist. (Wappendarstellung auf Siegeln sind naturgemäss schon deutlich früher zu beobachten, aber eben nicht Gegenstand dieser Sammlung).

Weitere Höhepunkte sind das Fleuronnée auf Urkunden König Wenzels (Václav) II. von Böhmen (z. B. 1288 Jaenner 27).

Hervorragender Dekor, der einer aus dem Buchwesen bekannten Werkgruppe zugeordnet werden kann, tritt in einer Urkunde von 1307 Dezember 28 auf.

Leonhard von München, Notar in der Kanzlei Kaiser Ludwigs des Bayern, ist zu Recht für Vieles berühmt, ein Element seiner phantasievollen Kunst ist die Mitverwendung von Formengut aus dem Fleuronnée (z. B. 1345 November 17). (…)

Die Untersuchung von Fleuronnée, das auf fest datierten Urkunden auftritt, gibt der Forschung viele neue Fixpunkte, die vor allem auch für die Frühzeit neue Erkenntnisse ermöglichen. Die folgende Liste zeigt Beispiele beinahe im Jahresrhythmus, mitunter sich die Abfolge deutlich dichter und ermöglicht eine gute Auswertung.

Martin Roland

http://www.rdklabor.de/wiki/Fleuronné (grundlegend)

Jakobi-Mirwald, Buchmalerei, Terminologie, 2015, S. 65–70 (Volltitel auf Zotero)

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