Bereits 1983 hatte Abt Angerer die Idee, die Urkunden zentral auf einem Computer zu erfassen, die Technik war aber damals dazu noch nicht reif genug.
Jetzt ist es eine Weltneuheit: Alle Interessenten, ob Historiker oder Laien, haben die Möglichkeit, von ihrer Studierstube aus über das Internet die Mittelalter-Urkunden des Stiftes Geras auszusuchen, den transkribierten Text zu lesen und die Urkunde im Original zu betrachten. Dabei kann durch die gewählte Vergrößerung jedes Detail bis zur Struktur des Papiers sichtbar gemacht werden.
Diese Neuerung wird in dem Jahr präsentiert, in dem das Stift unter dem Motto "Grenzenlos - zeitenlos" sein 850jähriges Bestehen feiert. Grenzenlos ist der Kreis jener, die nun Zugriff auf die Urkunden haben; zeitenlos ist das Archiv mit seinen zahlreichen wertvollen Urkunden.
Möglich wurde dies durch ein im Rahmen der Aktivitäten des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur "eCulture Austria" über drei Jahre (2002-2005) geplantes Projekt "Virtuelles Urkundenarchiv niederösterreichischer Klöster", in dem die mittelalterlichen Urkunden aller Klöster in den Bundesländern Wien und Niederösterreich sowohl im Text als auch im Bild frei verfügbar gemacht werden. Nicht nur alte Editionen, auch völlige Neubearbeitungen, wie z.B. Melk, werden verwendet. Bei jeder Urkunde ist ein Link für kritische Bemerkungen zu dieser vorgesehen. Somit handelt es sich nicht um eine statische, sondern um eine lebendige Präsentation, eine "interaktive Präsentation" in der heutigen Fachsprache! Insgesamt soll das Projekt ca. 17 000 Urkunden und Regesten erfassen, was für die historische Forschung ungeahnte Möglichkeiten eröffnet.
Dr. Thomas Aigner, Direktor des Diözesanarchivs St. Pölten und Präsident des Instituts zur Erschließung und Erforschung kirchlicher Quellen (IEEkQ) hielt den ersten Vortrag, in dem er zuerst dem rund 14 Personen umfassenden Team sowie ausländischen Wissenschaftern und Experten dankte, welche die Realisierung des Projektes ermöglicht haben. Dann wies Dr. Aigner darauf hin, dass Geschichte auf den vielen Quellen beruht, die in den Urkunden niedergeschrieben sind. Ein breiter und unkomplizierter Zugang zu diesen Quellen kann nicht nur das Verständnis für die Geschichte, sondern auch die Bedeutung der Archive heben. Ein persönlicher Besuch des Archivs soll damit keineswegs ausgeschlossen werden. Nicht nur Urkunden wurden ins Internet gestellt, auch das vollständige Archivinventar des des Stiftes Geras - das macht Geras einmalig!
Im Gegensatz zu gedruckten Publikationen, die fertig auf dem Tisch liegen, ist das Internet-Projekt ein Projekt mit vielen Schritten. Zur Zeit feiern wir den Abschluss des ersten Schrittes, einem Beitrag zum kulturellen Erbe!
Univ.-Prof. Dr. Karl Brunner, Direktor des Instituts für österreichische Geschichtsforschung und Vizepräsident des IEEkQ setzte mit einem Vortrag über das Thema "Vom Pergament zum Datenhighway: Das Projekt mom" fort. Durch den vereinfachten Zugang zu den Klosterarchiven werden die Klöster wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Niemand kann jetzt sagen "Diözesanarchive gibt's auch noch"! Eine gesamte kulturelle Einrichtung präsentiert sich nun als kirchliche Institution.
Was ist eine Urkunde? Ein kurzer Text zur Erinnerung oder als Zeuge für etwas, das in der Welt geschient, sozusagen dessen Materialisierung für die Gegenwart und Zukunft.
Das Original hat etwas faszinierendes an sich; es kann aber nicht jedem in die Hand gegeben werden. Durch die Technik kann nun das Faszinosum weitergegeben werden, in einer Art permanenter Ausstellung, in der man auch aktiv werden kann. Das Spielerische mit dem Medium ist wichtig, bereits vom Kindergarten an. Im Unterricht kann durch den Kontakt mit den Urkunden das Interesse an der Geschichte geweckt werden, wobei es wichtig ist, dass die volle Qualität des Originals erschlossen werden kann. Schon seit 150 Jahren versucht die Mediaevistik das, was nun mit diesem Medium möglich wird.
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Abschließend gab Mag. Karl Heinz anhand projizierter Urkunden sowohl einen Überblick über die Such- und Bedienungsmöglichkeiten als auch über die 850jährige Geschichte des Stiftes Geras. |
Die Veranstaltung wurde musikalisch von der Wiener Choralschola mit aus dem Diözesanarchiv stammenden rekonstruierten Kirchengesängen umrahmt. Sie endete mit der Aufforderung, das Angebot unter www.monasterium.net zu nutzen und die Archivalien des Stiftes Geras (und in Zukunft weiterer Klöster in Wien und Niederösterreich) anzusehen.

